CHINESISCHE DIAGNOSTIK

1. Störungen im Qi-Fluss - Krankheiten

Nach chinesischer Vorstellung beruhen die meisten Erkrankungen auf Störungen des Fließens der Lebensenergie Qi:

Eine Schwäche des Qi führt zu einer Mangelfunktion der entsprechenden Organe (Beispiel: Verdauungsstörungen). Typische Schwächesymptome sind Müdigkeit und verminderter Aktivität, Blässe, kalte Hände und Füße, übermäßiges Frieren, niedriger Blutdruck - bis hin zu depressiven Verstimmungen und Antriebsmangel.
Eine Fülle (d.h. Überfülle) der Lebens- energie bewirkt eine überschießende Funktion der entsprechenden Organ- systeme. Wichtige Symptome: Fülle- und Spannungsgefühl, Blutfülle, Rötung, akuter, stechender oder krampfartiger Schmerz - oder im psychischen Bereich innere Unruhe, Nervosität und Übererregung. Hauptsymptom ist die Hitze - ob nur auf eine Körperstelle (z.B. Gelenk) beschränkt oder in Form von Fieber.
Stagnationen oder Blockaden der Lebens- energie treten überwiegend in der Peripherie des Körpers auf. Als Folge kommt es meist zu Füllezuständen wie Muskelverspannungen, Muskelschmerzen, Myogelosen und eingeschränkter Beweglichkeit. Auch Kopfschmerzen gehen häufig auf eine Blockade zurück.
Störungen vom Fülle- oder Schwächetyp findet man entweder in den Meridianen oder in den Organen. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der Schwächung des Yang (hier: Funktion) oder des Yin (hier: Struktur, Substanz) der Organe.

2. Die acht diagnostischen Kriterien

Krankheitssymptome werden in der Traditionellen Chinesischen Medizin zunächst anhand von acht Begriffen kategorisiert, die vier Gegensatzpaare bilden (z.B. "Heiß - Kalt"). Die Strecke zwischen beiden Polen dient als eine Art Maßschnur ("Ist der Zustand näher an heiß oder an kalt"?); zusammen bilden diese Maßschnüre das diagnostische Netz. Zeigt es ein gestörtes Gleichgewicht zwischen den Körperfunktionen, deutet das auf eine Krankheit hin.

Biao und Li- "Außen und Innen"
Die Begriffe biao und li bezeichnen die Körperstelle, an der eine Krankheit auftritt. Dabei werden nicht nur Erkrankungen der Haut, des Bindegewebes oder der Muskeln als "äußere" Erkrankungen bezeichnet; auch akute Kopf- oder Gelenkschmerzen oder starke Wetterfühligkeit gehören dazu. "Innere" Erkrankungen haben häufig chronischen Charakter, mögliche Symptome sind Schmerzen im Brustkorb, Fieber sowie Magen- und Darmbeschwerden.
Und schließlich hängt es auch von der Dauer und Schwere einer Erkrankung ab, ob sie als biao oder als li zu kategorisieren ist: So mag sich eine Grippe im Anfangsstadium durch "äußere" Anzeichen wie Kopf- oder Gliederschmerzen äußern, bei Fortschreiten der Erkrankung und Abnahme der Abwehrkräfte dringt sie in den "inneren" Bereich vor und erzeugt li- Symptome wie Husten oder Schnupfen. Da "äußere" und "innere" Krankheiten völlig unterschiedlich behandelt werden, ist die richtige Diagnose entscheidend für die erfolgreiche Therapie.

Shi und Xu- "Fülle" und "Leere"
Mit diesen Begriffen beschreibt die chinesische Diagnostik den energetischen Gesamtzustand des Patienten: "Leere"-Erkrankungen sind mit einem Mangel an Qi oder mit schlechter Durchblutung verbunden und führen zur Unterfunktion von Organsystemen. Typische Symptome sind Blässe, Mattigkeit, niedriger Blutdruck, Schwindel, die Neigung zu Kollapsen oder Verdauungsstörungen. Auch degenerative Erkrankungen zählen dazu. Als "Fülle"-Erkrankungen gelten Bluthochdruck, akute Schmerzen, Krämpfe oder Schlafstörungen. Der Arzt der Traditionellen Chinesischen Medizin erkennt "Fülle"-Erkrankungen an einem kräftigem Puls, einer geröteten Zunge und einem geröteten Gesicht sowie an der Nervosität und inneren Unruhe des Patienten.

Han und Re- "Kälte" und "Hitze"
Die Begriffe "Kälte" und "Hitze" dienen unter anderem zur Differenzierung zwischen akuten und chronischen Erkrankungen: "Hitze" steht für akut; mögliche Symptome sind Fieber, Rötungen der Haut und der Zunge, Durst, dunkelgelber Urin oder ein schneller Puls. "Kälte" steht für chronische Krankheiten - sie sind die Folge, wenn äußere Kälte auf einen Körper mit geschwächter Lebensenergie einwirkt. Typische Kennzeichen: Blässe an Haut und Zunge, Frieren, kalte Extremitäten, dünner Urin oder langsamer Puls. Bei schweren Störungen des Qi-Stromes können "Hitze"- und "Kälte" - Symptome auch gleichzeitig auftreten (so etwa kalte Hände und Füße bei hohem Fieber).

Yin und Yang- "Schatten" und "Sonne"
In den übergreifenden Kategorien Yin und Yang (die mit "Schatten" und "Sonne" nur sehr unzureichend übersetzt sind) werden die anderen diagnostischen Kriterien zusammengefasst: "Innen", "Leere" und "Kälte" sind Yin-Kategorien, "Außen", "Fülle" und "Hitze" sind Yang-Kategorien.
Die acht diagnostischen Kriterien kommen selten in Reinform vor. Meist diagnostiziert der Arzt eine Kombination der Symptome, aus denen er ein Störungsmuster ableiten und entsprechende Therapien festlegen kann.

3. Die diagnostischen Methoden

Viel stärker, als wir das von unseren Ärzten kennen, setzt der Diagnostiker in der Traditionellen Chinesischen Medizin seine Sinne ein:
Durch intensives Betrachten, Hören, Riechen, Erfragen und Tasten kommt er zu einer umfassenden Diagnose des Gesamtzustandes. Persönliche Geschmacksvorlieben und die Gefühlswelt des Patienten bezieht er dabei ebenso ein wie das physische Erscheinungsbild sowie akute und chronische Krankheitssymptome.

Einen großen Stellenwert haben die Zungen- und die Pulsdiagnose: Aus Form, Farbe, Bewegung und Belag der Zunge kann der Arzt auf Störungen im Strom der Grundenergie Qi schließen. Er kann feststellen, ob es sich um einen Mangel oder Überfluss im Yin- oder Yang-Anteil handelt, und diesen bis auf einzelne Organe oder Meridiane (Energiebahnen) orten. Auch mittels der Pulsdiagnostik können sich erfahrene Ärzte ein Bild vom energetischen Zustand des Patienten machen:
Sechs Pulstaststellen - drei an jedem Handgelenk - geben Aufschluss über den Zustand der jeweils zugeordneten Organe.

Jeder Akupunkturtherapie muss eine gründliche Diagnostik vorausgehen - denn die umfassende Kenntnis des körperlichen und seelischen Gesamtzustandes ist Voraussetzung, um einen gezielten Therapieplan für den Patienten zu erstellen. Und nur auf Basis eines solchen Plans kann Akupunktur wirksam und erfolgreich eingesetzt werden.